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Vergessene Kulturen: Musik aus Malaysia
von Ingo Stoevesandt

Nicht nur die geographische Nähe (und Teilung) Borneos, auch die in den heutigen Ländergrenzen beider Staaten lebenden ethnischen Minderheiten verknüpfen die Kultur Indonesiens mit der von Malaysia. In Malaysia ist das Gamelan überall an zu treffen, wenn auch in variiert Form und unter leicht geänderten Namen. Die westlich beeinflusste und entsprechend instrumentierte Keroncong-Musik trifft man häufig auf der Strasse,und in Hotels, Restaurants und Theathern gibt es Tanzaufführungen, Schattenspiele und Puppentheater sowie Gamelan-Konzerte.

Doch nicht nur die alte Kultur Indonesiens hinterließ deutliche Spuren im Musikleben Malaysias, auch der Islam beeinflusste lokale Traditionen. Sechzig Prozent der Einwohner Malaysias sind Moslems, und so verwundert es nicht wenn sich indigene Traditionen mit islamischen Inhalten und Stilen mischen, wie zum Beispiel in den
ghazal-Gesängen der Musiker in dem dafür berühmten Dorf Muer. Dabei steht ghazal für mehr als nur eine Textsammlung, und zwar steht es im arabischen (und auch im deutschen “Gahsel”) für eine bestimmte Poesieform. In Malaysia werden die Texte durch wechselnde Ensembles unterstützt, manchmal auch mit einem Gamelan-Ensemble.

Das musikalische Alltagserlebnis zeigt sich in Malaysia noch vielfältiger: Nicht selten kann man eine chinesische Hochzeit oder ein chinesisches Begräbnis auf den Strassen erleben, da viele Chinesen sich als ständige Händler niederlassen. Die guten Handelsbeziehungen zum Westen brachten auch den Tourismus in Schwung, und so trifft man heutzutage sogar auf Technodiskos oder grosse Konzertveranstaltungen, ein klassisches Sinfonieorchester ist ebenso “normal” wie ein Gang in die Oper. Karaoke erfreut sich grosser Beliebtheit, ebenso wie die (teilweise illegale) Rockmusik.

Diese scheinbar unüberschaubare Vielfalt in der Musik Malaysias ist nicht einfach einzuordnen. Wenn man bedenkt, welchen grossen Stellenwert die indigene Volksmusik neben all den bisher erwähnten Bereichen behalten konnte, wundert man sich oft, wie wenig dieser Bereich bisher erforscht ist. Ein Grund dafür ist, dass, wie in vielen anderen asiatischen Ländern auch, die mündliche Weitergabe von Traditionen die schriftliche Notierung dominiert. Daher gibt es wenig schriftliches Material um beispielsweise die Herkunft eines Instruments oder eines Liedes genau zu bestimmen. Die musikwissenschaftliche Aufarbeitung der einzelnen Kulturen Malaysias wird vor allem durch ihre Vielfalt erschwert, zusätzlich leidet jedoch gerade die Betrachtung der indigenen Völker unter dem Vermarktungseffekt der an Touristen verkauften “edlen Wilden”, einem Problem in ganz Asien: Busladungen mit fotografierwütigen Touristen halten in den Dörfern und geben den Einwohnern das Gefühl ein exotisches Tier im Zoo zu sein. Ganze Dörfer leben inzwischen von diesem kulturellen “Ausverkauf”.

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